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Bockspringen oder Sackhüpfen: Wie lässt sich Bildung in Afrika durch Leapfrogging-Kompetenzen wirklich verbessern​

Dr. Yanick Kemayou, Gründer von Kabakoo Academies

· Kabakoo Study,Community

Dass afrikanische Gesellschaften ganze Technologiestufen überspringen, ist seit mehreren Jahren fester Bestandteil der Diskurse über die Verbesserung der Lebensumstände der Menschen auf dem Kontinent. Afrika muss also Bock springen. Und tut es. Die technologischen Sprünge, auch Leapfrogging genannt, lassen sich in unterschiedlichen Branchen beobachten. Das bekannteste Beispiel ist der Sprung von einem Leben ohne Telefon für die meisten zur Massenverbreitung von Mobilfunk. Auch im Gesundheits- und Infrastrukturbereich lassen sich Beispiele finden, wie die Lieferung von medizinischem Material via Drohnen wegen fehlender Straßen, oder der Sprung von einem Leben ohne Elektrizität hin zur Errichtung von kleinen Solarstromnetzen.

Das Leapfrogging-Narrativ wird aber verstärkt in Zweifel gezogen. Ein Blick auf den Ausbildungssektor, der doch junge Menschen zum Leapfroggen vorbereiten sollte, mag einige Hinweise zu geben. Eine umfangreiche Studie zum Leapfrogging im Bildungsstektor fand heraus, dass die allermeisten Maßnahmen zur Verbesserung der Bildung in Afrika eher an einem traditionellen Modell festhalten. Erstens wird an Zugang gedacht, später an Prozessqualität und erst wenn diese auch gewährleistet zu sein scheint, wird Relevanz zum Thema. Dieses tradierte Verfahren könnte erklären, weshalb der erwartete positive Zusammenhang zwischen verbessertem Zugang zur Bildung und Lernerfolg in Afrika vermisst wird. Relevanz ist verloren gegangen in der Suche nach Strategien für breiteren Zugang und erhöhte Prozessqualität.

In technologischen und ökonomischen Sektoren ist also Bockspringen angesagt. Der Ausbildungssektor aber hüpft im Säckchen rum. Als Antwort auf dieses Paradoxon ermächtigt das Curriculum von Kabakoo Academies Lernende durch die Vermittlung von Kompetenzen, die notwendig sind, um erfolgreich Bock zu springen. Durch Projektpädagogik und selbstgesteuertes Lernen erworbene Leapfrogging-Kompetenzen ermöglichen ein Leben mit steigernder Komplexität und Unsicherheit.

In unseren Akademien lernen junge AfrikanerInnen Technologien rund um 3D-Druck, Programmierung, Mikrocontrollern und Sensoren, Open-Source-Modelle, CNC-Fräsen, Laserschneidern, und Rapid Prototyping. Als Ergebnis können sie als Entrepreneure eigene Kleinstanlagen für die Produktion von Gütern für die lokalen Märkte aufbauen. Das Bild vieler afrikanischen Städte und Ortschaften ist geprägt von den informellen Handwerkern, die alles zu reparieren scheinen und von Tüftlern und Werklern, die längst abgeschriebene Autos auf schlechten Straßen immer wieder fahren lassen können. Dies zeigt einen Bestand an technischem Wissen und dort setzt unsere Ausbildung an. Das auf den Erwerb von Leapfrogging-Kompetenzen zielende Kabakoo-Curriculum vermittelt anwendungsbereite Kenntnisse und Fertigkeiten. Unsere Strategie löst traditionelle Zielkonflikte auf, indem Lernenden in digitaler Fertigung und Small-Scale-Manufacturing ausgebildet werden.

Girls women at 3D-printing - Kabakoo - Bamako - Mali

Workshop zu 3D-Druck im Kabakoo-Campus in Bamako

Leapfrogging-Kompetenzen lösen die Zielkonflikte auf, die typischerweise die Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Arten von Qualifikationen charakterisieren. Handwerkliche Kompetenzen sind sowohl vielseitig anwendbar als auch langlebig, dafür aber zeitintensiv beim Erlernen. Industriespezifische Kompetenzen können schneller erlernt werden, veralten dafür ebenfalls schneller. Wissensbasierte Kompetenzen sind vielseitig anwendbar, dafür sind sie zeitintensiv beim Erlenen und können eine beschränkte Halbwertszeit aufweisen.

Die Zielkonflikte werden im Rahmen eines Leapfrogging-Ansatzes durch eine kreative Rekonfiguration der Eigenschaften dieser traditionellen Kompetenzkategorien aufgelöst. Erstens sind Leapfrogging-Kompetenzen schneller zu erwerben als übliche handwerkliche Qualifikationen. Zweitens sind sie vielseitiger als industriebezogene Kompetenzen. Und sie sind drittens langlebiger als rein durch klassische Hochschulausbildung erworbene wissensbasierte Kompetenzen. Denn der Erwerb von Leapfrogging-Kompetenzen mit ihrem Fokus auf Agilität und selbstgesteuertes lernen fördert den Schritt hin zum lebenslangen Lernen.

Leapfrogging-Kompetenzen ermöglichen den Aufbau eines Small-Scale-Manufacturing. Dies bedeutet die Errichtung und den Betrieb von kleinsten oder gar mobilen Fertigungsanlagen für eine dezentralisierte Kleinserienfertigung. Für afrikanische Kontexte ist eine solche Vorgehensweise aus mindestens zwei Gründen nicht nur erfolgversprechend, sondern auch notwendig. Erstens beruhen große Industrieanlagen mit ihrer extremen Kapitalintensität auf den Prämissen des Vorhandenseins einer flächendeckenden Infrastruktur, die eine schnelle Erreichbarkeit großer Nachfragepools gewährleistet. Beide sind in Afrika auf absehbarer Zeit nicht vorhanden. Das Fehlen von Infrastruktur führt sogar dazu, dass BauerInnen auf ihrer Ernte sitzenbleiben. Zwischen 40 und 50 Prozent der Ernten gehen nämlich in Afrika verloren, da es weder lokale Verarbeitungsmöglichkeiten noch Verkehrsinfrastruktur gibt, um die Ernte in die Stadt zu befördern. Leapfrogging-Kompetenzen ermächtigen Entrepreneurs in einem solchen Kontext kleinste Fertigungsanlagen auch in ländlichen Gegenden aufzubauen. Dezentrale und an fragmentierte Märkte orientierte Versorgungssysteme sind im Hinblick auf die Gegebenheiten in breiten Teilen Afrikas effizienter. Ein solcher Ansatz wird zudem unweigerlich einen Beitrag zur Bekämpfung von Landflucht leisten.

Zweitens ist eine Eindämmung von Landflucht durch das dezentrale Schaffen von produktiven Ökosystemen nicht nur eine Chance für Entrepreneure mit Leapfrogging-Skills, sondern auch eine dringende gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Afrikanische Städte gehören zu den am meisten verschmutzen Orten weltweit. Luftverschmutzung ist bereits eine der größten Todesursachen in Afrika. Aktuellen Studien zufolge sterben mehr Afrikaner an Folgen der Luftverschmutzung als an Unterernährung oder verseuchtem Trinkwasser. In Ländern wie Nigeria, Mali oder Ghana ist Umweltverschmutzung der wichtigste Faktor bei der Erklärung der hohen Kindersterblichkeit.

Saubere Produktionsprozesse sind also keine angenehmen Features. Sie sind dringende und notwendige Teile jedweder Lösung; genauso wie ein auf dem Erwerb von Leapfrogging-Kompetenzen basierender Aufbau von solarbetriebenen Kleinanlagen.

Damit Leapfrogging in Afrika zukunftsträchtig bleibt, brauchen wir demnach Bocksprünge in der (Aus-)Bildung. Die Debatte soll sich nicht auf Zugang und Prozessqualität beschränken. Die junge afrikanische Bevölkerung hat heute und jetzt relevante Leapfrogging-Kompetenzen zu erwerben. Denn sie legen den Grundstein für eine saubere Industrialisierung, ermöglichen den Aufbau einer verteilten und effizienten Produktionsinfrastruktur, und steigern die Selbstwirksamkeit der Lernenden. Kurzum, Leapfrogging-Kompetenzen zeigen und schaffen Perspektiven für ein Leben in Würde. Ganz die Mission von Kabakoo Academies.

Zum Autor: Dr. Yanick Kemayou ist der Gründer von Kabakoo Academies, einem panafrikanischen Netzwerk von indigen-inspirierten und technologisch-orientierten Akademien. Er glaubt und arbeitet an besseren Formen des Lernens für Afrika. Wenn Sie ein Gespräch über (Aus)Bildung und Technologie in afrikanischen Kontexten führen möchte, können Sie sich gerne mit ihm in Verbindung setzen.

Falls Sie mehr zum Thema erfahren möchten:

Fox, Stephen. "Leapfrog skills: Combining vertical and horizontal multi-skills to overcome skill trade-offs that limit prosperity growth." Technology in Society 47 (2016).

Juma, Calestous. "Leapfrogging progress–The misplaced promise of Africa’s mobile revolution." The Breakthrough Journal (2017).

Simons, Brights. Why "leapfrogging" in frontier markets isn’t Working, 2019.

Winthrop, Rebecca. Leapfrogging inequality: Remaking education to help young people thrive. Brookings Institution Press, 2018.

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